Kirchner digital

Dank der großzügigen Förderung durch das Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein kann derzeit die Digitalisierung eines weiteren wichtigen Bestandteils der Sammlung des Brahms-Instituts vorgenommen werden. Mit dem Nachlass des Brahms-Vertrauten Theodor Kirchner (1823–1903) werden 36 Musikautografe, mehrere hundert Blatt an Skizzen und Entwürfen und die umfangreiche Sammlung der Erst- und Frühdrucke seiner Werke (zum Teil mit handschriftlichen Eintragungen des Komponisten), sowie zahlreiche Schriftstücke und Lebensdokumente kostenfrei über die Webseite des Brahms-Instituts zugänglich gemacht. Das Projekt ist im Oktober 2014 aufgenommen worden und wurde Januar 2016 abgeschlossen.

Theodor Kirchner widmete den größten Teil seines umfangreichen Schaffens dem Klavier. Für seinen musikalischen Weg bestimmend war die Begegnung und Freundschaft mit Robert Schumann, der 1843 sein Opus 1 wohlwollend besprach und ihn 1853 in sei­nem berühmten Brahms-Aufsatz Neue Bahnen zu den »hochaufstrebenden Künstlern der jüngsten Zeit« zählte. Bereits der Fünfzehnjährige wurde Schumann und Mendelssohn vorgestellt, die vom Talent des Jungen beeindruckt waren und überaus positiv urteilten. Mendelssohn empfahl Kirchner, in Leipzig Klavier, Musiktheorie und Orgel zu studieren. 1843 trat er, obwohl be­reits fertig ausgebildet, als Schüler mit der Matrikelnummer 1 in das neugegründete Leipziger Konservatorium ein.

Neben einigen Liedern, einem meisterhaften Streichquartett und kleine­ren Kammermusik­wer­ken schrieb Kirchner für ‚sein‘ Instrument über tausend Einzel­stücke, die Brahms als »das Zarteste vom Zarten« galten. Sie bilden ein Kaleidoskop musikalisch singulärer Inspiration und kom­posi­to­rischer Vielfalt, oft gewonnen aus kürzesten motivi­schen Eingebungen. Kirchner entwickel­te manches von Schumanns Tonsprache weiter, was sich nicht zuletzt in Titeln seiner Werke spiegelt: »Neue Davidsbündlertänze« op. 17, »Neue Kinderscenen« op. 55 oder »Florestan und Eusebius« op. 53. Dennoch behielt Kirchner einen unverkennbar eigenen Tonfall bei. Dass Kirchner bald nach seinem Tod – er wurde 1903 auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg in Nachbarschaft von Hans von Bülow und Julius Spengel beigesetzt – in jahrzehntelange Vergessenheit geriet, hängt sicherlich mit der Kürze und Knappheit seiner Kompositionen zusammen, die fast durchweg dem Genre des roman­tischen Charakterstücks verpflichtet sind.

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